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02009 Biodiversität managen: So hilft ISO 17298 beim Einstieg in die Praxis

Biodiversität wird für Umwelt- und Nachhaltigkeitsverantwortliche zunehmend zur Managementaufgabe: Standorte, Lieferketten, Berichtspflichten und Risikoprozesse müssen stärker zusammengedacht werden. Der Beitrag zeigt, wie die ISO 17298 Fachverantwortlichen dabei hilft, Auswirkungen, Abhängigkeiten, Risiken und Chancen systematisch zu erfassen und in konkrete Maßnahmen zu übersetzen. Er beantwortet die Frage, wie sich Biodiversität pragmatisch in bestehende Managementsysteme integrieren lässt – ohne bei null anfangen zu müssen
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1 Einleitung: Biodiversitätsverlust als Herausforderung für Organisationen

Der Verlust biologischer Vielfalt gehört zu den zentralen globalen Nachhaltigkeitsherausforderungen. Biodiversität bildet die Grundlage stabiler Ökosysteme und ist damit eine wesentliche Voraussetzung für menschliches Wohlergehen, wirtschaftliche Wertschöpfung und widerstandsfähige Gesellschaften. Sie sichert unter anderem Bestäubung, Bodenfruchtbarkeit, sauberes Wasser, Klimaregulation, natürliche Rohstoffe sowie die Anpassungsfähigkeit von Ökosystemen an Veränderungen. Weltweit geraten diese Leistungen jedoch massiv unter Druck.
Artensterben
Der Weltbiodiversitätsrat IPBES kommt in seinem globalen Assessment zu dem Ergebnis, dass sich die Natur weltweit in einem in der Menschheitsgeschichte beispiellosen Tempo verschlechtert. Rund eine Million Tier- und Pflanzenarten sind demnach vom Aussterben bedroht. Als wichtigste direkte Treiber nennt IPBES Veränderungen der Land- und Meeresnutzung, die direkte Ausbeutung von Organismen und natürlichen Ressourcen, den Klimawandel, Umweltverschmutzung sowie invasive gebietsfremde Arten [1].
Natur unter Druck
Die Biodiversitätskrise ist ein globales Phänomen. Auch in Europa befinden sich viele Lebensräume und Arten weiterhin in einem ungünstigen Zustand. Die Europäische Umweltagentur verweist insbesondere auf intensive Landnutzung, Schadstoffeinträge, Übernutzung, invasive Arten und den Klimawandel als zentrale Belastungsfaktoren [2]. Auch für Deutschland zeigt die Berichterstattung des Bundesamts für Naturschutz, dass zahlreiche Arten und Lebensraumtypen keinen günstigen Erhaltungszustand erreichen; besonders betroffen sind unter anderem Grünland, Moore, Gewässer und Agrarlandschaften [3].
Biodiversität als Managementaufgabe
Vor diesem Hintergrund wird ein systematischer Umgang mit Biodiversität für Organisationen immer wichtiger. Unternehmen, öffentliche Einrichtungen und andere Organisationen beeinflussen Biodiversität durch Standorte, Produkte, Lieferketten und Ressourcennutzung. Zugleich sind sie selbst auf funktionierende Ökosystemleistungen angewiesen. Die ISO 17298 setzt genau an dieser Schnittstelle an: Sie unterstützt Organisationen dabei, Biodiversitätsaspekte strukturiert in Strategien, Managementprozesse und operative Entscheidungen einzubeziehen. So wird Biodiversität von einem abstrakten Nachhaltigkeitsthema zu einem konkreten Handlungsfeld.

2 Was ist die ISO 17298 und für wen gilt sie?

Die ISO 17298 ist eine internationale Norm, die Anforderungen und Leitlinien dafür formuliert, wie Organisationen Biodiversität in ihre Strategie und ihre operativen Tätigkeiten einbeziehen können. Im Mittelpunkt steht ein strukturierter Biodiversitätsansatz, mit dem biodiversitätsbezogene Aspekte systematisch in Entscheidungs- und Managementprozesse integriert werden. [4]
Breiter Adressatenkreis
Die Norm richtet sich ausdrücklich an Organisationen jeder Art. Ihr Anwendungsbereich reicht über große Unternehmen und bestimmte Branchen hinaus und umfasst grundsätzlich auch öffentliche Einrichtungen, Kommunen, Vereine, kleinere Organisationen und Ein-Personen-Unternehmen. Der weite Adressatenkreis der Norm erklärt sich daraus, dass Biodiversität für sehr unterschiedliche Organisationstypen relevant sein kann, sowohl im Hinblick auf ihre Auswirkungen als auch auf ihre Abhängigkeiten. [4]
Flexibler Rahmen
Zugleich ist die Norm offen für unterschiedliche Anwendungsebenen. Sie kann sich auf einzelne Standorte, Flächen oder Aktivitäten beziehen, aber auch auf größere organisationale Zusammenhänge. Den konkreten Geltungsbereich ihres Biodiversitätsansatzes muss die jeweilige Organisation selbst festlegen und dokumentieren. Dadurch bietet die ISO 17298 einen flexiblen Rahmen, der an unterschiedliche Tätigkeiten, Einflussbereiche und Ausgangslagen angepasst werden kann. [4]
Strategischer Rahmen
Gerade darin liegt die besondere Reichweite der Norm. Sie behandelt Biodiversität als organisationsübergreifende Aufgabe und nicht als Spezialthema einzelner Sektoren. Damit schafft sie einen Rahmen, um Biodiversität als strategisch und organisatorisch gestaltbares Thema zu erfassen, ohne die konkrete Umsetzung im Einzelnen vorzugeben.

3 Aufbau und zentrale Inhalte der Norm

Die ISO 17298 ist als strukturierter Prozessrahmen angelegt. Sie führt Organisationen schrittweise von der Klärung des Anwendungsbereichs über die Analyse biodiversitätsbezogener Auswirkungen, Abhängigkeiten, Risiken und Chancen bis hin zu Aktionsplanung, Kommunikation, Umsetzung, Monitoring und Verbesserung. Ihre Anwendung ist als iterativer Prozess zu verstehen: Erkenntnisse, Maßnahmen und Ziele werden regelmäßig überprüft und weiterentwickelt. Dieser Aufbau macht deutlich, dass Biodiversität in der Norm als fortlaufende Management- und Steuerungsaufgabe verstanden wird.
Tabelle 1: Aufbau der ISO 17298
Aufbau
Funktion für Organisationen
Grundlagen (Abschnitte 1-3)
Klärung von Anwendungsbereich, Grundlogik und zentralen Begriffen
Kontext des Biodiversitätsansatzes (Abschnitt 4)
Festlegung des Anwendungsbereichs, Analyse bestehender Richtlinien und Maßnahmen
Einbindung interessierter Parteien (Abschnitt 5)
Berücksichtigung relevanter interner und externer Stakeholder sowie ihrer Erwartungen
Analyse von Auswirkungen, Abhängigkeiten, Risiken und Chancen (Abschnitt 6)
Systematische Ermittlung und Priorisierung biodiversitätsbezogener Themen
Biodiversitätsaktionsplan (Abschnitt 7)
Definition von Ambition, Zielen, Maßnahmen, Indikatoren und lokalem Kontext
Kommunikation (Abschnitt 8)
Interne und externe Kommunikation über Umfang, Ziele, Ergebnisse und Leistung des Biodiversitätsansatzes
Umsetzung, Monitoring und Verbesserung (Abschnitt 9)
Durchführung geplanter Maßnahmen, Überwachung von Indikatoren, Bewertung der Wirksamkeit und kontinuierliche Verbesserung
Zu Beginn schafft die Norm die notwendigen Grundlagen. Die einleitenden Abschnitte klären den Anwendungsbereich, ordnen die Zielsetzung ein und definieren zentrale Begriffe. So entsteht ein gemeinsames Verständnis davon, worauf sich der Biodiversitätsansatz bezieht und in welchem organisatorischen Rahmen er angewendet werden kann. Diese Grundlagen sind mehr als reine Vorbemerkungen: Insbesondere die Unterscheidung zwischen Auswirkungen, Abhängigkeiten, Risiken und Chancen ist für die spätere Analyse zentral. [4]
Kontext prüfen
Darauf aufbauend nimmt die Norm den Kontext in den Blick, in dem der Biodiversitätsansatz entwickelt werden soll. Organisationen müssen zunächst ihren Anwendungsbereich festlegen und ihre Ausgangssituation klären. Dazu zählen relevante Tätigkeiten, Standorte, Flächen, Wertschöpfungsbeziehungen und Einflussmöglichkeiten ebenso wie bereits bestehende Maßnahmen oder Richtlinien. Ergänzend verlangt die Norm die Einbindung interessierter Parteien, denn Erwartungen, Interessen und Wissen interner und externer Akteure sind zu berücksichtigen. [4]
Wesentliche Handlungsfelder bestimmen
Den analytischen Kern der Norm bildet die systematische Auseinandersetzung mit Auswirkungen, Abhängigkeiten, Risiken und Chancen. Hier wird Biodiversität in eine Form übersetzt, die für Organisationen steuerungsrelevant ist. Einerseits geht es darum zu erfassen, wie organisationale Tätigkeiten auf Biodiversität und Ökosystemleistungen einwirken. Andererseits ist zu bestimmen, in welchem Maß Organisationen selbst auf funktionierende ökologische Systeme angewiesen sind. Die ermittelten Auswirkungen und Abhängigkeiten werden anschließend bewertet, um die wesentlichen Themen zu bestimmen. Auf dieser Grundlage lassen sich biodiversitätsbezogene Risiken und Chancen für die Organisation ableiten. Abschließend werden die wesentlichen Auswirkungen, Abhängigkeiten, Risiken und Chancen priorisiert. So entsteht ein Überblick über die wichtigsten Handlungsfelder, die wiederum die Grundlage für den Biodiversitätsaktionsplan bilden. [4]
Biodiversitätsaktionsplan
Der Biodiversitätsaktionsplan überführt die Analyse anschließend in die praktische Umsetzung. Aus den Ergebnissen der Bestandsaufnahme werden Ambitionen, Ziele, Maßnahmen und geeignete Indikatoren abgeleitet [4]. Damit wird Biodiversität von einem Erkenntnisgegenstand zu einem handlungsleitenden Bestandteil organisatorischer Steuerung. Für die praktische Relevanz der Norm ist dieser Schritt entscheidend: Erst die Verbindung von Analyse und Aktionsplanung macht Verantwortlichkeiten, Prioritäten und Umsetzungswege konkret.
Biodiversitätsmanagement als fortlaufender Prozess
Die abschließenden Regelungsbereiche zu Kommunikation, Umsetzung, Monitoring und Verbesserung zeigen, dass die Norm Biodiversitätsmanagement als fortlaufenden Prozess versteht. Ergebnisse sollen intern und extern kommuniziert, in der Organisation verankert, mithilfe von Indikatoren beobachtet und regelmäßig auf ihre Wirksamkeit überprüft werden [4]. Biodiversität wird damit zu einem lern- und entwicklungsfähigen Bestandteil organisationaler Praxis.

4 Praktische Anwendungshinweise

Für die praktische Anwendung der ISO 17298 ist entscheidend, dass Organisationen nicht bei null anfangen müssen. Häufig bestehen bereits Verfahren, Daten und Verantwortlichkeiten, an die sich anknüpfen lässt. Das gilt besonders für Organisationen, die sich im Rahmen von ESRS beziehungsweise CSRD bereits mit Nachhaltigkeitsberichterstattung und doppelter Wesentlichkeitsanalyse befasst haben.
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